Sieg für das Image?

In der Nacht des 14. August nähert sich eine ca. 50 Personen starke Meute, ausgestattet mit Sturmhauben und Knüppeln, dem linksalternativen Wohn- und Kulturprojekt „ReBa 84“. Steine werden aus dem Gleisbett genommen und auf die Gäste – viele von ihnen friedlich feiernde Fans des FC St. Pauli und Fans des CFC – vor dem alternativen Treffpunkt geworfen sowie in die Scheiben und in die Veranstaltungsfläche. Ein Gast wird durch die Glasscherben der zerworfenen Fensterfront gezogen, später ist es schwer zu rekonstruieren, ob die Schnittverletzungen nur von den Scherben stammen oder auch Messerschnitte sind. Der Angriff wird begleitet von zustimmendem Klatschen aus einem gegenüberliegenden Balkon.

Dem Tag vorangegangen ist der Sieg des Chemnitzer FC gegen den sich als antirassistisch positionierenden, popalternativen Erstligaverein FC St. Pauli aus Hamburg. Sichtlich erleichtert wird am Montag danach in der „Freien Presse“ Jana Kindt, als Sprecherin der Polizeidirektion, zitiert, das Spiel sei „ohne größere Vorkommnisse“ ausgetragen worden, es gab lediglich drei leichtverletzte Beamte zu beanstanden. In der selben Ausgabe wird gefeiert, dass es Chemnitz in die Tagesthemen geschafft habe, eine ganze Sendeminute wurde dem Sieg des CFC zugestanden. Es wird bejubelt, dass der Spielerfolg das brächte, was „aufwendigen und zum Teil kostspieligen Aktionen der städtischen Tourismusgesellschaft nicht gelungen ist“.

„Es waren Tränen der Freude, die kullerten“ als der CFC gewann, weiß die „Freie Presse“ zu berichten. Ähnlich scheint sich Jubel bei Journalist Stephan Lorenz niederzuschlagen, da er schreibt „eine solche Werbung für eine Stadt und eine ganze Region ist unbezahlbar. Kein noch so fähiger Marketing-Chef würde das schaffen“. Weiter meint er: „von dem aktuellen Schub könnte auch die lokale Wirtschaft profitieren“ – bezogen auf die Chemnitzer Glaser wird das sicherlich zutreffen. Auch Carglass wird sich ins Fäustchen lachen, da scheinbar nicht einmal der Mannschaftsbus des FC St. Pauli unangegriffen Chemnitz besuchen konnte, ganz abgesehen von den 1750 Euro Schaden der beschädigten Fahrzeuge rund um die Reitbahnstrasse 84.

Die Randspalte gibt noch einen kurzen Verweis unter der Überschrift „Zwei Verletzte bei Massenschlägerei“, dass die Polizei wegen des „Verdachts des Landfriedensbruchs“ ermittle, und nicht weiß, ob der Angriff einen rechtsgerichteten Hintergrund gehabt habe. Einen Tag später verkündet Polizeisprecher Frank Fischer, dass es „keine Hinweise auf einen rechtsgerichteten Hintergrund“ gibt, außerdem gehe man nicht davon aus, dass es einen Zusammenhang mit dem DFB Pokalspiel zwischen CFC und St. Pauli gibt. Die 50 bewaffneten Angreifer scheinen völlig aus dem luftleeren Raum erschienen und wieder verschwunden zu sein.

Während die drei Nazis auf dem Hügel in Brandenburg keinen zum Verprügeln finden, krankt Chemnitz immer noch an engagierten Menschen, welche sich doch tatsächlich für eine friedliche, antifaschistische Gesellschaft einsetzen. Und während nach dem Spiel medienwirksam den Chemnitzer Fans die Siegerfaust gezeigt wird, bekommen einige Stunden später Menschen gezeigt, dass sie sich im Glashaus nicht mit Steinen bewerfen lassen sollten. Aber wer möchte diesen Rostfleck am Schwert der chemnitzidealisierenden Propaganda schon sehen? „Die positiven Schlagzeilen haben die negativen vom vergangenen Wochenende verdrängt, als die Wassermassen auch durch Chemnitz schossen und bundesweit das Krisenmanagement kritisiert wurde“. Chemnitz scheint ihn zu schätzen, den „Sieg für das Image“.

Georg Degage

Alle Zitate aus der „Freien Presse“

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